Guitarona – das kleine Wunder

Guitarona – eine sehr frühe Cello-Gitarre

Als ich dieses Instrument entdeckte, war ich gefesselt!

Das Instrument ist eine richtige kleine Archtop mit geschnitzer Decke und Boden, beides mit Recurve. Decke und Boden sind gewölbt und aus dem vollen Holz gearbeitet (Decke Fichte, der Rest Ahorn). Das runde recht große Schalloch ist vermutlich nicht eingesetzt, sondern aus der Decke aus dem vollen Holz herausausgesägt.

Der Erbauer des filigranen Instruments ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Geigenbauer, da die Gitarre alle typischen Merkmale einer Geige bzw. eines Cellos aufweist:

– Überstehende Decke und Boden anstatt Binding
– Purfling-Einlagen und Verzierungen an Decke und Boden
– Aufhängung des Tailpieces an einem Seil um den Endpin
– Für die Aufhängung des Tailpieces Steg aus Fichtenholz an der Kante
– die zwei Abdrücke, die das Seil hinterlassen haben, sind erkennbar

Über das Innenleben (Bebalkung, Reifchen) werde ich noch berichten.

Auf dem Corpus wurde auf der Vorder- und Rückseite eingebrannt:
„Guitarona, ges. geschützt“.
Daher stammt das Instrument aus dem deutsch-sprachigen Raum. Das Instrument wurde in Wien gefunden.

Ich erhoffe mir Informationen oder Erkenntnisse von Lesern über das Instrument.

Die Kopfplatte ist leider abgebrochen und unwiderruflich verloren gegangen. Aufgrund der Abbruchstellen kann man mutmaßen, dass das Instrument mit einer nicht durchbrochenen Kopfplatte wie bei einer Archtop ausgestattet war. Der Hals ist gerade.

Maße:
• Mensur: 62,3 cm
• Corpus: 33,5 cm breit, 46,5 cm lang
• Taille: 19,2 cm
• Kleiner Bug: 25,2 cm
• Zargenhöhe: 72 mm
• Sattelbreite: 45 mm, kein Nullbund, sondern Sattel
• Griffbrett: vermutl. Buche, gefärbt, kein Radius
• Anzahl Bünde: 21
• 12th fret to the neck (Corpus beginnt am 12. Bund)
• Hals vom Sattel: 48,5

Die Gitarre wurde nachträglich recht dick überlackiert. Unter der Halszunge fehlen diese Schichten. Um auch die filigranen Einlagen sichtbar zu machen, entschloss ich mich zu einer behutsamen Entfernung des alten Lackes. Das Instrument wurde mit Schellack (Ballenpolitur) neu versiegelt.

Die F-Löcher erinnern an die Höfner 461 und an die Owophone-Gitarren von Felix Stärke und Otwin (siehe www.schlaggitarren.de). Die Purfling Verzierungen auf Decke und Boden erinnern an die späteren High-End Gitarren von Höfner (z. B. 470, Committee).

Restaurierung des Instruments:

– Entfernung des alten Lackes (nicht original)
– Leimen der Risse und evtl. Schellack-Politur
– Herstellung und Anbringung einer Kopfplatte mit Mechaniken
– Hals Reset
– Herstellung eines Tailpieces analog Violine/Cello
– Herstellung einer Brücke
– Besaitung mit Thomastik (10er)